Willkommenskultur?

So – lange hat dieser Blog brach gelegen, vor allem, weil ich Sorge hatte, dass die Interessen meines neuen Arbeitsgebers – des Landesmuseums Mainz – mit meinen  Äußerungen kollidieren könnten. Heute gab es die Initialzündung für mehr selbstständiges Denken und das Zutrauen in eine Institution, die “Kulturelles Erbe” auf den Fahnen stehen hat – und da bin ich mir mit der Institution einig, das ist doch eine gute Voraussetzung. Aber schön der Reihe nach.

Arbeit mit Flüchtlingen

Heute, auf dem Fachtag des Kulturbüros RLP “Refugium” gab es ein Impulsreferat, das mich so getroffen hat, wie einen Alki die erste Runde bei den Anonymen Alkoholikern. Ja, ja und ja – ich bin dabei, Mark Terkessidis. Im verlinkten Video spricht er mal kurz über Schule und mir aus dem Herzen, und das tat er heute öfter. Seine Feststellung: Die etablierten Institutionen beruhigen vermittels Projetktitis ihr Gewissen – und verkennen, dass Integration (definiere! …) eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, die wir nicht “erledigen” können. Das bleibt jetzt so, die Menschen sind da und wir haben die moralische Pflicht und beglückende Aufgabe, ihnen statt der Willkommenskultur eine Bleibekultur anzubieten. “Kultur öffnet Welten”, eine „gemeinsame Initiative von Bund, Ländern und Kommunen, künstlerischen Dachverbänden und Akteuren aus der Zivilgesellschaft” unter dem Vorsitz von Staatsministerin Prof. Monika Grütters MdB kam da nicht gut weg. Auch in der Diskussion nach dem Referat wurde klar: Strukturen bräuchten wir, Nachhaltigkeit, das Arbeiten in Ruhe, mit Zeit zum Scheitern, Reflektieren, Austauschen und Vernetzen. Das kenne ich ja aus der Schule, die Sehnsucht danach, etwas mal von A bis Z machen zu können, mit den KollegInnen darüber sprechen zu können (Hospitation?), die SchülerInnen mal mitbestimmen zu lassen und das Ganze auf den Prozess, nicht auf das Ergebnis auszurichten.

In der Kulturellen Bildung und der Flüchtlingsarbeit wäre jeweils ein Schlüsselmoment, die Menschen, an die sich die Programme richten, mitarbeiten zu lassen. Sonst machen wir Elfenbeinturmbewohner um die Fünfzig Dinge für Leute, die ganz anders sind, als wir dachten. Diese Menschen haben Potentiale und Ideen, von denen wir nichts ahnen.

Kollaboration statt Partizipation

Andere partizipieren, teilhaben zu lassen, klingt nach einem Geschenk, das wir ihnen machen. Kollaboration bedeutet für Terkissidis Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Zuhören, ausprobieren, anerkennen, ehrlich kommentieren. Mich damit näher zu befassen, ist meine Hausaufgabe. Aber diese Formen der Zusammenarbeit begleiten mich als Sehnsucht und als kurze Highlights meines Berufslebens seit Jahren. Zusammenarbeit KollegInnen, aber auch mit SchülerInnen und BesucherInnen macht mir Spaß und zeitigt erstaunliche Ergebnisse. Wir, die Institutionen, die wir vertreten, müssen unsere Haltung überdenken. Es kann nicht das Ziel sein, die Ankömmlinge mit unserer Art der Kultur zu “beglücken”. Wir brauchen ihre Erfahrungen und Bedürfnisse, um sinnvoll zu arbeiten. Um überhaupt so weit zu ihnen vorzudringen, dass sie uns diese anvertrauen mögen, braucht es Zeit. Die Wertschätzung eines gemeinsamen Arbeitsprozesses (der mit Kunst zu tun haben kann) anstelle der Ausrichtung auf ein “vorzeigbares” Ergebnis könnte das gegenseitige Kennenlernen voranbringen. Das ist so ungefähr das Gegenteil einer Projektstruktur.

Wo bleibt denn da die Kunst?

Interessant war auch Terkessidis’ These, dass die Kunst unbeschadet neben den Reservaten der Soziokultur steht. Als Wandlerin zwischen den Welten sowohl als Konsumentin wie auch als Produzentin von Kunst kann ich davon ein Lied singen. Kunst ist das, was man ankaufen kann. Kunst ist das, was etablierte Kunst-Institutionen wie Museen und Galerien einem als Kunst präsentieren. Die Kriterien sind unklar, aber das Ergebnis umso klarer: Die Einen gehören dazu, die Anderen nicht (ich war bisher immer bei den Anderen – außer in England. Merkwürdig, oder?). Was sich der Kunst bedient (Ist das stattfhaft?), ist deshalb selbst noch lange keine. An dieser Stelle wird es ambivalent: Ich mache Kunst (soso, Frau Löchner ;-) ), ohne an den Rezipienten zu denken und ich glaube, dass es andere KünstlerInnen auch so machen. Ich konsumiere Künste (wie z.B. Tanz) in höchster Verzückung darüber, dass hier Profis antreten und den Moment zelebrieren (Performance!), nur hier, nur jetzt, nur für mich. Ich vermittele Kunst in der Hoffnung, dass ich Menschen mit einer Welt vertraut machen kann, die ihnen ihr Menschsein ins Bewusstsein ruft und ihre Gefühle belebt. Gibt es unter den genannten Herangehensweisen irgendeine, die ein Geflüchteter nicht nachempfinden könnte? Auf den ersten Blick nicht.

Was bleibt zu tun? Strukturen etablieren, sie auch zurückerobern – zum Beispiel den Fachunterricht in Bildender Kunst, der dank Fachlehrermangel nur noch an den Gymnasien stattfindet. Wer sich an der Börse erfolgreich bewegt, soll schließlich bei der Afterwork-Party keinen ganz ungebildeten Eindruck machen, auch die Damen nicht, bitteschön! Der Rest bekommt Brot und Spiele.

Eine Struktur etablieren, die Museen (die ja schließlich weitgehend aus Steuergeldern finanziert werden) und andere Kultureinrichtungen den Bürgern zurück gibt – Eintritt frei wäre der erste Schritt. Vermittlung für alle, in mannigfaltiger Form wäre der zweite Schritt. Wertschätzung der Kunst und Kultur jenseits eines Marktes wäre ein weiterer Schritt. Das hieße, KünstlerInnen nicht in prekären Verhältnissen leben zu lassen, Kunststudierende nicht in solche Verhältnisse zu entlassen, den Beruf “KünstlerIn” in der Schule vorzustellen wie jeden anderen. Schließlich – und das wäre das Aus für hierarchisch gestrickte Strukturen – könnte man die Adressaten von Kultur einladen, an der Gestaltung der kulturellen Landschaft mitzuwirken, ihre Bedürfnisse zu äußern, ihre Fähigkeiten einzusetzen und sich mit den “Kulturexperten” zu vernetzen.

Es gibt viel zu tun, packen wir’s an ;-) .

Verborgen im Museum

Das Konzept der Ausstellung „Vom Verbergen“ im MAK FFM hatte mich neugierig gemacht: 30 Kuratorinnen und Kuratoren bekamen die Gelegenheit, unter diesem Motto einen Gegenstand aus der Sammlung des MAK zu inszenieren. 30 Objekte, 30 Blickwinkel, das ist fast wie 30 Ausstellungen. Mehr als genug für einen verregneten Nachmittag, und von mir aus kann es jetzt täglich bis 06.03. regnen, ich würde wahrscheinlich nicht fertig. Weiterlesen

Materialisierte Gedanken

Gedanken kann ich durch Schrift und Bild beschreiben und darstellen. Sie direkt in Material zu überführen, sozusagen in ein anderes Sein, ist das Wesen der Installation. Ai WeiWei ist einer der Meister dieser Kunst, und ich liege ihm zu Füßen, seit ich in der Royal Academy war. Doch hier geht es jetzt erstmal um etwas, das man sich ganz unkompliziert ansehen kann, ohne eine Sicherheitsschleuse zu durchqueren, sein Geld umzutauschen und immer nach rechts sehen zu müssen, um den Straßenverkehr zu überleben. Es geht um Lichtkunst am Hellweg, genau gesagt: in Lippstadt. Lippstadt in einem Atemzug mit London? Weiterlesen

Erkundungsverhalten

Eigentlich wollte ich hier über Neugier schreiben. Was meine ich eigentlich genau, wenn ich sage, dass ich neugierig bin? Schnell landete ich bei “Erkundungsverhalten” als Antagonist zum “Bindungsverhalten”. Wenn Kunst eine Form ist, die Welt zu erkunden, wie ich es behaupte, dann bin ich ständig auf der Suche nach neuen Wegen für mich, diese Erkundung vorzunehmen und interessiere mich für die Wege der anderen. Damit wird Kunst dann so wichtig, aber auch so selbstverständlich wie die Luft zum Atmen. Aktuelle Luftkurorte: Frankfurt, Schirn und Bad Homburg, Sinclair-Haus. Es geht unter Anderem um den Raum. Die Erkundungstour startet hier. Weiterlesen

Hol alles raus!

Keine Sorge, ich schreibe keine Werbetexte für Unterhaltungs-Elektronik-Märkte. Ich bin noch bei meinem letzten Thema, der Vermittlung von Kunst. Es ist lange her, dass ich hier darüber schrieb, was Vermittlung in meinen Augen leisten kann und soll. Mittlerweile habe ich die Seite gewechselt und selbst geführt (als ein Ausschnitt der Kunstvermittlung). Mein neues Betätigungsfeld als Museumspädagogin am Landesmuseum Mainz brachte das so mit sich, zwischen Vorfreude und dem Gefühl der Überrumpelung (Halt! Die Ausstellung steht doch erst ein paar Tage!) ergaben sich viele kleine Hochs und Tiefs sowie als anhaltendes Gefühl: Neugier! Weiterlesen

Für mehr Vermittlung – für weniger Vermittlung

Nachdem ich im Oktober 2013 über “Kunst hassen” bloggte, ist mir das Thema “Vermittlung” immer wieder begegnet. Nicole Zepter verfasste ihr Resümee einer “enttäuschten Liebe” aus dem Verlust der Faszination heraus. Ich kann nur für mich sprechen, wenn ich mich frage: Was suche ich in und erwarte ich von Ausstellungen? Was finde ich? Welche Rolle spielt dabei die Vermittlung? Ein bisschen kann ich auch für einige Besucher sprechen, die ich beobachtet und mit denen ich gesprochen habe. Zuletzt konnte ich gestern in Frederick Wisemans Film über die “National Gallery” Besucher beobachten – und auch Vermittler. Und, brauchen wir nun mehr oder weniger davon? Weiterlesen

Alles liegt in dir

Endlich mal wieder Frankfurt! Wo gehen wir denn hin? MMK, das sieht gut aus: “Subodh Gupta: Everything is Inside”. Schöne Bilder im Netz, interessante Beschreibung. Also, 12 (!!) Euro investiert und hinein. Sie ahnen es: ich war beeindruckt, sonst würde ich nicht am gleichen Tag einen Post schreiben. Mehr noch, ich war gerührt. Wieso? Weiterlesen

Netzwerke

Womit habe ich denn um Himmels Willen die letzten Wochen verbracht? Mit Netzwerken natürlich. In den Netzwerken, die ich nutze, und mit dem Netzwerken, das, wie immer wieder festgestellt wird, Zeit kostet. Zeit, die sich lohnt, finde ich.

Ist ohne Netzwerk aufgeschmissen: die Ameise. Diese ist übrigens aus Glas, hergestellt von Katinka Dietz und hängt jetzt an meinem Nussbaum.

Ist ohne Netzwerk aufgeschmissen: die Ameise. Diese heißt übrigens “Pionier”, ist aus Glas, hergestellt von Katinka Dietz und hängt jetzt an meinem Nussbaum.

Das Netzwerken an sich ist nicht Neues, nur die sozialen Medien, die es uns erlauben, schneller miteinander Verbindung aufzunehmen als es auf dem Postweg oder durch persönliche Treffen möglich wäre. Für Künstler ist das Netzwerken besonders wichtig und besonders schwierig. Warum eigentlich? Weiterlesen